Zu Besuch in Spanien

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Der Austausch über den engen nationalen Rahmen hinaus ist ein wichtiger Aspekt im Organisierungsprozess der union coop // föderation. Wir streben nicht nur den Austausch und Patenschaften mit gleichgesinnten initiativen im Ausland an, sondern im Idealfall auch eine internationale Organisierung. Zwei Genossen hatten nun – auf eher informeller Ebene – Gelegenheit, verschiedene Initiativen in Spanien zu besuchen.

Die zwei Genossen trafen sich nicht nur in verschiedenen Städten mit Mitgliedern der anarchosyndikalistischen Basisgewerkschaft CNT, sondern besuchten auch deren Stiftung und verschiedene Projekte der Kooperative ACTYVA. Auch für einen Abstecher zum Weingut des Verano Ácrata reichte die Zeit.

Ein Schwerpunkt der Reise war Extremadura, wo die regionale CNT in den vergangenen Jahren die integrale Kooperative ACTYVA angeschoben hat, die heute über 300 Mitglieder hat und aus verschiedenen wirtschaftlichen Untereinheiten besteht. Die Motivation diese Kooperative zu gründen, war eng mit der Krise in Spanien verbunden. Junge Menschen fanden keine Jobs mehr und verliessen das Land. Eine Situation, die auch dazu führte, dass die CNT in kurzer Zeit quasi die Hälfte ihrer Mitgliedschaft in der Region verlor. Für eine Hand voll Mitglieder war dies Anlass, selbst Perspektiven zu schaffen.

Heute verfügt die Kooperative neben einer Konsumgenossenschaft über wirtschaftliche Aktivitäten in der Landwirtschaft, aber auch in der Wissenschaft und Kultur, betreibt eine Kita, zwei Architektur-Baugruppen, die sich dem ökologischen Bauen und Restaurieren widmen, einer Siebdruckerei und etliche weitere Projekte.

Anders als bei der union coop // föderation, die erstmal vorhandene Kollektivbetriebe föderiert, stand hier zuerst der rechtliche Rahmen der Kooperative, die dann verschiedene Projekte anschob. Die einzelnen Teams – wie die Genoss*innen es nennen – handeln dabei unter dem selben Dach und einer gemeinsamen Buchhaltung weitesgehend wirtschaftlich autonom. Der gemeinsame rechtliche Rahmen macht es dabei neuen Initiativen leichter, zu starten, und vereinfacht ebenso eine interne Ökonomie.

Trotz dieses strukturellen Unterschieds, der natürlich auch mit den unterschiedlichen Rahmenbedingungen zusammenhängt, waren die Gemeinsamkeiten unserer Ansätze unübersehbar – auch was die Probleme und Widersprüche angeht. Gonzalo Palomo, einer der Gründungsmitglieder, betonte selbst, dass er erst zwei bis drei der Projekte als in unserem Sinne von Selbstorganisation stabil ansehen würde. Gleichzeitig war die Dynamik, die der dortige Prozess ausstrahlte, sehr motivierend. Und das Interesse auch auf Seiten der dortigen Genoss*innen auf eine engere internationale Zusammenarbeit macht Freude. Gonzalo brachte die Idee auf, dass wir vielleicht gemeinsam über eine internationale Organisierung unter dem Label „Union Coop“ nachdenken sollten.

Ein kleiner, symbolischer Anfang ist mit dem Projekt Verano Ácrata bereits gemacht. Die Produktion bzw. Import des Bio-Rotweins als gemeinsames Projekt der regionalen CNT, ACTYVA und der union coop // föderation schafft dabei erste Vernetzungsstrukturen, auf die aufgebaut werden kann. Das Weingut von Jesús Lázaro und Maite Perera, das diesen Wein am Duero-Fluss anbaut, ist über das BBBFarming-Netzwerk mit der Kooperative verbunden.

Jesús, dessen Großvater wie alle Mitglieder der CNT im Dorf von den Falangisten hingerichtet wurde, führte uns durch die Gegend, zeigte uns die natürlichen Weinkeller, in denen sich bereits im vergangen Jahrhundert die Landarbeiter zusammentaten, wo sich sein Großvater vor den Faschisten versteckte, aber auch die beeindruckenden Hochebenen, deren Schutz und Renaturierung ihm derzeit besonders am Herzen liegen. Er hat dafür extra eine Stiftung gegründet und einen Soli-Wein produziert. Trotz Sprachschwierigkeiten war zu verstehen, dass wir es mit jemanden zu tun haben, dem es um mehr geht, als Wein zu produzieren – und deshalb vermutlich so guten Wein produziert. Im vergangenen Jahr wurde sein Weißwein Àcrata (Anarchist) als einer der besten Spaniens ausgezeichnet – ausgerechnet von der erzkonservativen Zeitung ABC, der der Name übel aufgestossen haben muss.

Ein weiterer Schwerpunkt der Reise war die kulturelle Zusammenarbeit, gerade im audiovisuellen Bereich. Hintergrund war der von Sabcat Media und der FAU organisierte Kinostart und die Tour mit Regisseur und Produzent von Memoria Viva in Deutschland. Es gab lange Gespräche mit dem Regisseur Antonio García de Quirós Rodríguez über Produktions und Vertriebsbedingungen für Filme aus unserer Bewegung. Erschreckender weise scheint sein Film selbst in Deutschland besser vertrieben worden zu sein als in Spanien, trotz der theoretisch besseren Infrastruktur. International scheint es ebenfalls keine wirkliche Struktur zu geben, auf die aufgebaut werden könnte.

Auch ein Treffen mit der CNT-Stiftung FAL, die über beeindruckende Räumlichkeiten verfügt und spannende Aktivitäten an den Tag legt, war in dieser Hinsicht eher ernüchternd. Die FAL verfügt über ein auch jenseits der Bewegung beeindruckendes cineastisches Erbe aus der Spanischen Revolution, wo die Kino- und Filmindustrie in Hand der S.I.E. Films war, der CNT-Gewerkschaft für Unterhaltung, also dem einzigen Moment in der Geschichte, in der die Branche – zumindest regional – in Arbeiter*innen-Selbstverwaltung organisiert war. Aber selbst dieses Erbe ist nur stiefmütterlich betreut und nicht wirklich aufgearbeitet.

Es lag deshalb die Idee nahe, dass es überfällig sei, ein Netzwerk im Geiste der S.I.E. Films wieder zu schaffen. Und sei es auch erstmal auf einem low-level. Filmemacher*innen, Kooperativen in dieser Branche und neuerdings auch ein vermehrtes Interesse an unseren Themen gibt es zumindest, auf die aufgebaut werden kann. Eventuell auch ausgeweitet auf andere kulturelle Bereiche (Grafik, bildende Kunst…). Erste Schritte hierzu sind gemacht.

Solche Reisen sind natürlich immer Momente, in denen es viel Input gibt, die Kraft geben, in denen viele Projekte entstehen, aber vor allen Dingen, in denen man wunderbare Menschen trifft. Nicht alles wird vielleicht im Alltag danach bestand haben. Deshalb sollten wir viel öfter und organisierter einer solchen Austausch pflegen.

Hansi Oostinga

 

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