2. Euromediterranes Workers-Economy-Treffen, Thessaloniki 28.-30. Oktober 2016

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Ende Oktober fand das zweite euromediterrane Workers-Economy-Treffen auf dem (teil)besetzten Betriebsgelände von Vio.Me am Stadtrand von Thessaloniki statt. Das Treffen reiht sich in die Tradition einer Reihe von globalen und regionalen Treffen von besetzten Fabriken bzw. durch die Belegschaften übernommenen Betrieben ein, ausgehend von der breiten Bewegung in Argentinien 2007. Das erste Treffen in Europa fand in der Teefabrik SCOP-TI (früher Fralib) in Marseille 2014 statt. Im Vergleich zum vorangegangenen Treffen hatte sich das Publikum allerdings stark vergrößert und es beschränkte sich nicht nur auf besetzte Fabriken, sondern schloß auch selbstverwaltete Betriebe und verschiedene gewerkschaftliche Gruppen mit ein. Daneben waren auch Delegationen aus Lateinamerika und verschiedene politische Gruppen präsent.

Im Vergleich zu Südamerika, insbesondere Argentinien, wo es nachwievor fast 400 übernommene Betriebe – mit aktuell wohl wieder steigender Tendenz – gibt, sind die Zahlen in Europa bescheidener. Der Kreis der vernetzten Fabriken hat sich aber dennoch erweitert, insbesondere in Richtung Ost-Europa und Balkan. Neben den Gastgebern und Scop Ti waren aus Italien die Kollektive Officine Zero und Rimaflow und aus Frankreich eine Eisfabrik, drei Belegschaften aus Ex-Yugosslawien (Phamaindustrie und Maschinenbau) und die besetzte Textilfabrik Kazova aus Istanbul anwesend. Daneben waren noch eine Reihe kleinerer Kollektivbetriebe (Cafes etc.) vor Ort.

Das Programm der Konferenz war dicht gedrängt, fast schon überladen. Mehrere Workshops und Panels fanden paralell statt. Natürlich bildeten die bisherigen Erfahrungen der übernommenen Betriebe einen Schwerpunkt. Bei aller Unterschiedlichkeit gab es hier auch viele Paralellen: Unterfinazierung, Probleme im Vertrieb und der Rohstoffbeschaffung und natürlich der Gegenwind von Behörden, Parteien, Alteigentümern, Medien und Justiz – wahlweise oder im Bündel. Daneben gab es eine Reihe von theoretischen und analytischen Beiträgen. Es wurden historische Kontinuitäten (z.b. Spanien 1936) aufgezeigt, die Brücke zur Selbstverwaltung in anderen Bereichen der Gesellschaft geschlagen, die Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Transformation durch die Erfahrungen der Betriebe ausgelotet oder auch generell die zukünftigen Formen der Arbeit generell diskutiert.

Auffallend war, dass interne Probleme und die Widersprüche der Selbstverwaltung im Kapitalismus, aber auch z.B. Fragen nach Geschlechterverhältnissen auf der Konferenz – auch hier spiegelte sich nicht die Zusammensetzung des Publikums auf den Panels wider, grade bei den eher theoretischen und strategeischen Themen -, eher am Rande thematisiert wurden. Dies mag zum Teil daran gelegen haben, das grade die Orga-Gruppe und die Belegschaft von Vio.Me große praktische Erwartungen an die Konferenz knüpften und einen positiven Drive in diese Richtung ausstrahlten.

Für uns als union coop // föderation waren neben der Rolle der Gewerkschaften in diesem Prozess dann auch die praktischen Projekte das spannendste an dieser Konferenz. Die Vio.Me-Belegschaft hatte im Vorfeld einige Vorschläge erarbeitet. Ihr Vorschlag war eine engere Vernetzung zwischen den besetzten Betrieben und generell Arbeiter-Kooperativen zu schaffen, mit den ersten praktischen Schritten, ein Vertriebsnetzwerk und einen gemeinsamen Fonds zu schaffen. Für ein Vertriebsnetzwerk sahen sie bereits erste Ansätze und noch mehr nicht genutzte Potentiale (vorhandene Lagerräume, generelles Know-How in Transport- und Logistikfragen, Absatzstrukturen, z.B. über Gewerkschaften, usw.). Für ein einen Fonds sahen sie eine generelle Notwendigkeit, da eine Unterfinanzierung bei allen Betrieben ein Problem ist. Eine Kollegin aus Ex-Jugoslawien berichtete beispielsweise, dass sie für notwendige Kredite 20% Zinsen zahlen müssten. Natürlich stellte sich auch die Frage, wie denn der Fonds finanziert werden soll, wenn überall Kapitalmangel herrscht. Der erste Vorschlag von Vio.Me war, 1% auf den Preis für die Produkte aufzuschlagen.

Um zu klären, wer überhaupt an einem solchem Netzwerk teilnehmen kann, hatte die Belegschaft von Vio.Me auch eine kurze Definition einer Arbeiter*innen-Kooperative vorgeschlagen. Verkürzt gesagt, liess sich das auf folgende Formel runterbrechen: Jeder, der in einem solchen Betrieb arbeitet, muss gleichberechtigter Teilhaber des Unternehmens sein und niemand, der dort nicht arbeitet, soll Teilhaber sein können – mit allen damit zusammenhängenden Konsequenzen. Zum einen gab es hieran nachvollziehbare Kritik, etwa, dass z.B. auch eine Stiftung aus der Bewegung oder eine Gewerkschaft Teilhaberin sein könnte – ohne, dass die Selbstbestimmung der Belegschaft in Frage gestellt wird -. zum anderen tat sich hier ein Widerspruch zwischen den übernommen Betrieben und eher politisch motivierten Kollektiven auf. Letztere, wie etwa Rimaflow aus Italien, die ein ehemaliges Fabrikgelände für Freiberufler aus der Medienbranche nutzen, statt es mit einer vorhandenen Belegschaft übernohmen zu haben, legten mehr Wert darauf, dass klare politische Positionierungen (Anti-Faschismus, Anti-Rassimus, Feminismus…) in die Definition einfließen und waren unklarer bei der Frage der Lohnarbeit. Letztlich prallten hier zwei verschiedene Erfahrungshorizonte aufeinander, ohne dass es zum Zerwürfniss kam. Beschlossen wurde schließlich eine Arbeitsdefinition, um voranschreiten zu können. Kurz gesagt, wurde der Vorschlag der Vio.Me-Belegschaft ergänzt um klare politische Statements. Die Diskussion muss in Zukunft aber sicherlich noch weiter geführt werden – und soll es auch: Die Betriebe wurden dazu aufgerufen, sich in diese Definition einzubringen.

Bei den beiden praktischen Punkten Fonds und Vertriebsnetzwerk wurde beschlossen, offene Arbeitsgruppen einzurichten, die dies konkret ausarbeiten. Grade beim Fonds stellten sich natürlich eine Reihe von Fragen: Wie soll er finanziert werden? Wofür soll er genau sein? Wer entscheidet darüber? Welche Rechtsform muss er eventuell haben? Gerade beim Vertriebsnetzwerk herrschte die Stimmung vor, einfach loszulegen und es langsam wachsen zu lassen. Es gab den Wunsch, eine Liste mit den beteiligten Betrieben und ihren Produkten zu erstellen und dann quasi bilateral loszulegen bzw. das, was da ist, noch auszubauen – auch mit dem Ansatz, sich erstmal kennenzulernen.

Was die Rolle der Gewerkschaft in diesem Prozess angeht, war es überraschend, dass es eigentlich kein wirkliches Konzept gab – weder von Seiten der Betriebe, noch von Seiten der anwesenden Gewerkschaften-, wie die Belegschaften der übernommenen Betriebe in die Gewerkschaft integriert werden können. Obwohl eigentlich bei allen Kämpfen um die Übernahme, Gewerkschaften eine wichtige Rolle gespielt hatten, beschränkte sich dies doch in der Regel auf eben diese Kampfphase und darüber hinaus allenfalls bei der Unterstützung im Vertrieb der Produkte. Im Extremfall stehen Gewerkschaften diesem Prozeß sogar feindlich gegenüber – in Griechenland etwa bis ins basisgewerkschaftliche Milieu. Im Normalfall blieb die Anbindung an die Gewerkschaft eher etwas symbolisches. Gleichzeitig konnte man aus einigen Statements auch eine gewisse Entfremdung von der Gewerkschaftsbewegung und Reduzierung auf den Betrieb heraushören. So etwa, wenn ein Kollege von Scop-Ti, der nicht Müde wurde, die Verdienste ihrer Gewerkschaft zu betonen („Wir wissen genau, wo wir herkommen.“), aber gleichzeitig auf die Frage, wie ihr Engagement z.B. in der Bewegung gegen das neue Arbeitsgesetz (Loi Khomri) aussah, zugeben musste, dass sein Engagement heute mehr im Büro als auf der Straße stattfindet. Einzig bei einer Fabrik aus Kroatien sah es etwas anders aus: Hier gründete die Belegschaft, nach Ablehnung durch die etablierte Gewerkschaft, eine eigene, die inzwischen 700 Mitglieder hat und auch andere Belegschaften organisiert. In ihrem Fall fällt nun der Gewerkschaft etwa die Kontrolle gegenüber der Geschäftsführung zu, dass die Entscheidungen der Vollversammlung auch umgesetzt werden.

Mit unserem Konzept der Union Coop fühlten wir uns da zeitweise schon als Vorreiter. Gleichzeitig waren wir selbst überrascht, wie ähnlich die Diskussionen und Problemlagen, aber auch die Lösungsansätze in den verschiedenen Betrieben und Zusammenhängen oftmals waren. Eine weitere und auch engere Teilnahme an diesem entstehenden Vernetzungsprozeß schien uns sehr sinnvoll. Gerade bezüglich der Vertriebsstrukturen gibt es derzeit auch schon Diskussionen, wie wir als union coop // föderation da aktiv werden können.

Interessant wäre es natürlich auch, den grade stattfindenden Prozeß der Neuorganisierung der syndikalistischen Bewegung auf internationaler Ebene mit diesem Prozeß zu verbinden. Es gibt da zumindest sehr viele Gemeinsamkeiten und Punkte möglicher Zusammenarbeit.

Hansi Oostinga

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